Dienstag, 17. Juni 2014

aus aktuellem anlass


  
Aus gegebenen Anlass!!!

 In der Gruppe "Kindersachen billig zu verkaufen"
bietet jemand U-Heft Hüllen für 3,- Euro an. 
Ja 3 EURO!!!
Und Babypumphosen für 5 Euro...

Auf den Hinweis, dass das doch etwas zu billig sei, schreibt sie
sie zocke halt niemanden ab und der Stoff sei so billig.
Von tedox eben.
Sie handelt dort im übrigen als Gewerbetreibende. 
Da bleibt nach ESt Abzug nix mehr über. 
Sie begründet das damit, dass das Leben mit Kind eh schon so teuer wäre
 (ja, wir haben ALLE keine Kinder die leben wollen...)
und deshalb will sie das so.

Aber was ist mit Strom, Wartung der Maschinen, sonst. (Bei)Material?
Sie kann ja gerne ihren Stundenlohn weglassen 
(aber bitte mit allen Material-und NK)
aber dann doch bitte auch mit Hinweis auf diesen Umstand, 
so dass es als nette Geste erkannt werden kann. 
So erscheint es ja
als wären die Kreativen die davon ihr Leben bestreiten müssen
alles Abzocker!!!!
 
Sehr schlechtes Verhalten und unfair 
ggü. allen tollen Näherinnen dort draußen 
die REALISTISCHE Preise aufrufen.

In die realistischen Preise gehören auch
Anwaltskosten um Gesetzeskonform zu verkaufen.
Das heißt: ordentliche AGB und Widerruf,
Materialkennzeichnungspflichten, CE-Kennzeichen, ect, ect.


Hier mal ein Post der es auf den Punkt bringt (von stoffn.de)

Ich möchte mal eine kleine Liste (ohne Garantie auf Vollständigkeit) zeigen,
was alles in den Preis bzw. zu kalkullieren ist:

Material

  • Das, was man verarbeitet (Stoff, Füllwatte, Bänder, Knöpfe, Garne…)
  • Das, was man gekauft hat und dann im Mülleimer landet. Sei es als Verschnitt oder als Fehler.
  • Verpackungsmaterial (Folien, Tüten, Füllmaterial für Zerbrechliches)
  • Versandmaterial (Kartons, Umschläge, Paketklebeband…)

Arbeitszeit

  • Produktentwicklung, z.B. einen Schnitt erarbeiten, testen, überarbeiten
  • Herstellung
  • Verkauf, also die Zeit auf Märkten oder z.B. Fotos machen und bei DaWanda, Etsy etc. einstellen
  • Versand angefangen beim Einpacken, Frankieren, zur Postbringen
  • Kundenkommunikation, also Fragen beantworten, Änderungswünsche besprechen, ggf. Kundenbewertung nach dem Versand
  • Kontokontrolle (ist das Geld schon angekommen? Vom wem ist denn diese Überweisung? Das ist ja ein komischer Betrag, der passt zu keiner Bestellung?)
  • Materialsuche und -einkauf
  • Buchhaltung

Nebenkosten

  • Shopgebühren (Einstellen der Produkte und Provision beim Verkauf)
  • Paypalgebühren oder andere Gebühren für die verschiedenen Bezahlformen
  • Kontoführungsgebühr
  • Dispokosten, wenn's mal enger wird
  • Grüner Punkt (jeder Shop muss mitmachen und seinen jährlichen Obolus für das Recycling zahlen)
  • GEZ (alle gewerblich genutzten Geräte müssen angemeldet werden, für uns ist das mindestens der Computer)
  • Telefon
  • Internetzugang
  • Miete, für alle die ein Atelier oder absetzbares Arbeitszimmer haben
  • Porto

Arbeitsmittel

  • Computer
  • Digicam
  • all die schönen Maschinchen zum Nähen, Sticken, Cutten, Laminieren, Buttons machen etc.
  • Drucker
  • Bügeleisen
  • alles was in deinem Arbeitszimmer steht und unverzichtbar ist

Das Argument "Die hab ich ja nicht extra gekauft, das hatte ich schon alles", ist mit Vorsicht zu genießen, denn spätestens, wenn Neues hinzukomment oder es Altes ersetzt werden muss, brauchst du das Geld dafür.

Werbung und Goodies für deine Kunden

  • Visitenkarten
  • Flyer
  • Banner oder Ähnliches, das deinen Marktstand schmückt und dein Label zeigt
  • Kleinigkeiten, die du deinen Kunden ggf. als Goodie mit ihrer Bestellung schickst
  • Blog- oder Googlewerbung
  • Kosten für Werbung und Specials bei DaWanda, Etsy & CO z.B. wenn man an einer Rabattaktion teilnimmt. Den Rabatt muss man sich als Verkäufer leisten können, sonst zahlst du ja drauf.

Papa Staat und dein Alter

  • 19% MwSt
  • Einkommsteuer
  • Soli
  • Krankenkasse
  • Altersvorsorge
  • Gewerbesteuer

Auch wenn man noch ein ganz kleines Shöppchen hat, ist es praktisch daran zu denken. Ob etwas als Hobby betrieben wird oder nicht, entscheidet oft nicht der Anbieter selbst. Sobald du mehr und regelmäßig verkaufst, wirkt dein Hobby wie ein Gewerbe und das Finanzamt wird es im Zweifelsfall so einstufen. Der Staat ist nett zu Geringverdienern. Es gibt eine Freigrenze, die man erstmal erreichen muss, bevor Einkommensteuer und Soli fällig werden. Auch für Gewerbesteuer muss dein Gewerbe erstmal eine gewisse Größe erreicht haben und Mehrwertsteuer wird für Kleingewerbe auch nicht fällig, aber sobald du die Umsatzgrenze übersteigst, z.B. weil das Weihnachtsgeschäft unerwartet bombastisch lief, wird die Mehrwertsteuer fällig. Das was dir bleibt reduziert sich um fast ein Sechstel. Argh! Mies wenn man unvorbereitet dieses Problem hat und wirklich schwer, danach die Preise um 19% hochzusetzen. Lieber vorher schon einkalkulieren.

Risikopuffer - die Shit-happens-Quote

Es gibt KEINE fehlerfreien Systeme. Man kann immer sicher sein, dass irgendwas schief geht. Nur was das sein wird, ist unklar. Wenigstens 15% Risikoaufschlag kalkulieren, aber man sollte am besten selber mal ehrlich bei sich schauen, ob das reicht, denn es kann viel schief gehen.
  • Reklamationen
  • Lieferung im Versand verloren gegangen, dann muss der Händler alles nochmal schicken
  • Fehler beim Nähen/ Stricken/Häkeln/Sägen etc. weil die Maschine zickt, man einen schlechten Tag hat, nichts funktioniert…
  • Probleme mit dem Material, das man verarbeitet - nicht lieferbar, funktioniert schlecht…
  • Der Kunde hat sich irgendwie geirrt beim Bestellen und teilt dir nochmal einen Änderungswunsch mit bevor er bezahlt und du hast schon angefangen, um Zeit zu sparen und musst nun nochmal von vorne anfangen
  • Lieferadresse war falsch, alles kommt zurück und du musst es nochmal schicken
  • Material, das du gekauft hast, aber wegen mangelnder Nachfrage gar nicht verwenden konntest
  • Produkte, die du z.B. für das Weihnachtsgeschäft, Märkte oder andere Specials vorproduziert und nicht verkauft hast
  • Verschleiß & Verschmutzung - Dreckfingerchen, Staub, Regen oder sonstwas, das auf Märkten oder in deinem Arbeitszimmer die schönen Dinge schmutzig macht und ihren Wert schmälert

Oh Gott, dann lohnt sich das ja gar nicht! Doch :)

Keine Sorge, es lohnt. Einzigartiges und Gutes findet Kunden, die ihre Anerkennung auch entsprechend zum Ausdruck bringen - in €. Lass dich nicht von zu niedrigen Preisen anderer verunsichern. Du musst deinen Wert und den deiner Arbeit kennen und selbstbewusst einfordern. Du verlierst Kunden, die auf "Egal, hauptsache billig" aus sind, aber das ist eigentlich ein Vorteil. Denn du verlierst bzw. zahlst drauf, wenn du nur um irgenwas zu verkaufen, deine aufwändigen Produkte zu Minipreisen verkaufst, die weder deine Kosten decken noch deinen Stundenlohn. Den Effekt kannst du auch ohne Verkaufsstress haben, in dem du dein Geld einfach anders verprasst. Das macht dann auch mehr Spaß.

"Aber, die Kunden wollen niedrigere Preise." Ja, ja und Männer wollen angeblich Frauen, die sofort mit ihnen in die Kiste springen. Trotzdem ist das nicht die Taktik der meisten Frauen. Ihr Selbstwertgefühl und ihre Ansprüche, wie sie dies bestätigt haben wollen, ist die Basis einer möglichen Beziehung. Billig ist billig - das gilt für jede Form der Beziehung.

Sei einzigartig! Sei clever! Nimm dir Zeit für die Produktentwicklung. Alles was oben als Kosten aufgeführt ist, kann man hinterfragen: Wo kann man Zeit sparen? Wo kann man Material sparen? Wie kann man Fehler vermeiden? Und wenn du dann auch noch einzigartig bist, weil deine Produkte eine eigene Handschrift haben oder noch keine vorher ein … ersonnen hat, ist der Preisdruck noch gar nicht da.
Denk an vieles, aber mache dir nicht zu viele Sorgen. Du musst ja nicht alles sofort richtig machen. Man kann sich auch das Fehlermachen gönnen, um dann daraus lernen. Viele Verbesserungsmöglichkeiten zum Zeit und Geld sparen fallen einem nämlich eh erst ein, wenn man Erfahrungen mit der Produktion gesammelt hat.


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Macht mit!

eure elfen

Kommentare:

Schlottchen Müller hat gesagt…

Liebe Lilli,

da gibt es nicht mehr viel zu sagen... Ich wundere mich immer wieder über derartige Dummheit... Kürzlich meinte eine Bekannte auch, dass man mit Nähen ja so richtig sparen könne... Ich habe sie dann gefragt, wie sie das meinen würde... Tja, eine Antwort blieb sie mir schuldig ;)

Liebste Grüße Schlottchen

inci´s unique hat gesagt…

Liebste Lilli!
Danke für diesen Post! Du sprichst mir aus dem Herzen. Und ich hab sogar noch ein paar Dinge gelernt :D
Hab einen tollen Tag,
Inci

Frau JoLou hat gesagt…

Ich bin ausgestiegen.
Naja, für meinen Geschmack habe ich den Absprung sogar etwas zu spät gewagt.
Ich habe noch mal voll Stoff gegeben, noch eine zusätzlichen Shop eröffnet und zu immer noch zu günstigen Preisen verkauft, jedenfalls um etwas zu verdienen, aber der Geiz-ist-Geil-Gesellschaft war ich noch zu teuer.
Das Ende vom Lied ist, das ich inzwischen auf diese billig-Hausfrau-nicht an Gesetze halten-Näherinnen richtig zu wider, schade eigentlich, denn ich bin ein netter Mensch, aber manchmal wäre ich gerne Abmahnanwalt und würde diese Damen mal so richtig erschrecken

Annele B. hat gesagt…

Ohne Worte!!!!
Leider bin ich nicht bei FB....sonst hätte ich mich auch angeschlossen....ich sag mir immer, unter Preis verkauf´ich nicht...lieber verschenke ich dann die Sachen an Leute, die sich wirklich freuen und hinter dem Geschenk auch die Arbeit schätzen, die da drin steckt. Und natürlich das Herzblut...!
Liebe Grüße
Anke

nähfischli hat gesagt…

Vielen lieben Dank für diesen sehr Interessanten Post.
Da ich gerade selber einen Shop eröffnet habe ist das eine sehr hilfreiche Auflistung die ich mir gern zu Herzen nehme :)

Denn ich möchte nicht drauflegen, sondern eher mein Hobby finanzieren :)

curly-kidz.de hat gesagt…

Liebe Lilli,
Sie sprechen mir aus der Seele. Ich habe auch vor ca.4 Jahren so richtig angefangen zu nähen, jedoch waren die Sachen alle zu teuer für die Kunden (solche, die sich Hosen für ca. 300,00 Euro kaufen).Ich habe es aufgegeben. Nun nähe ich fast nur noch für meine Enkeltochter und bin seeeehr glücklich damit. Nur hier und da nähe ich noch Aufträge wie Kissen, Taschen, U-Heft Hüllen etc. Ich verkaufe dann nur noch die getragenen Klamöttchen unserer Maus. Für Jott*m, Oli*y, Mim *i etc., geben die Leute unsummen an Geld aus, dabei werden die Sachen ALLLE!!! in den selben Fabriken in Indonesien und Bangladesch hergestellt!!!
Ich danke Ihnen für Ihren Post. Leider bin ich nicht auf Facebook, aber vielleicht bald!?!?

Liebe Grüße
curly-kidz

Angelface Design hat gesagt…

Hallo Lilli,
Sehr ausführlich und sehr wahr gesprochen.

Ich habe das auch schon sehr oft gesehen, teure Handys falsche Fingernägel aber zu geizig, um für das Kind mal ein selbstgenähtes Kissen oder selbst gemachte Puppenkleidung zu kaufen.

Viele liebe Grüße

Sylvia

MeitliChleidli hat gesagt…

Liebe Lilli,

ganz, ganz lieben Dank für diese Zusammenfassung und das Aufgreifen dieses Themas!

Weisst Du, was ich aber auch schlimm finde: dass anhand der Fotos OFFENSICHTLICH schlecht genähte Sachen trotzdem zu einem für diese Qualität viel zu hohen Preis GEKAUFT werden.

Viele liebe Grüsse
Julia